4.4 Aussagen von Zeitzeugen
Frau Irmgard W., 85 Jahre alt, geboren und seit ihrer Geburt an wohnhaft in Bochum. Ihre Schulausbildung absolvierte sie auf einer Bochumer Mittelhochschule (Realschule). Heute lebt sie in einem Altenheim.
Frau Weinberger erzählte von ihrer Schulzeit und konnte sich noch an die Verwendung des Nibelungenstoffes im Unterricht erinnern. Es wurde dort die "Siegfriedsage" genannt, denn Siegfried war der Mittelpunkt der schulischen Behandlung des Nibelungenliedes. Die Siegfriedsage wurde oft und lange durchgenommen. Auch die Dolchstoßlegende und die Nibelungentreue wurden oft erwähnt, denn "das Prinzip, das uns in der Schule eingetrichtert wurde, war "Ergeben fürs Vaterland bis zum Tod". "Siegfried wurde als groß, blond und stark dargestellt und wurde zu dieser Zeit laut Frau Weinberger als "Deutsche der Deutschen!" angesehen. Hagen hingegen verkörperte eher den Feind, obwohl den Schülern auch von der Nibelungentreue, die sich auf Hagen bezieht, berichtet wurde. Wir haben Frau Weinberger gefragt, ob sie diesen Widerspruch nicht bemerkt habe. Darauf antwortete sie, dass man damals nicht in der Position war, zu widersprechen; es wurde so hingenommen. Man habe sich auch als Kind keine Gedanken darüber gemacht.
Frau Helga M., 75 Jahre alt, geboren in Bochum-Weitmar, schulische Bildung auf einer Volkshochschule (Hauptschule). Sie lebt nun an der Nordsee.
Frau Matysiak kann sich ebenfalls noch erinnern, das Nibelungenlied im Unterricht besprochen zu haben, allerdings haben sie dieses nur gestreift. Der Zusammenhang mit der NS- Ideologie war nur unterschwellig. Es wurden hauptsächlich die Tugenden und Charaktere hervorgehoben; auch hier stand ebenfalls Siegfried im Mittelpunkt und wurde als Prototyp des deutschen Mannes dargestellt. Hagen war der Verräter aufgrund seines hinterlistigen Verhaltens, die Brüder Kriemhilds wurden als schwach charakterisiert. Der Schwerpunkt des Unterrichts über das Nibelungenlied lag auf dem Ende, an dem alle Burgunder fest zusammen hielten. Dies wurde als Nibelungentreue bezeichnet.
Obwohl Frau Weinberger und Frau Matysiak altersgemäß zehn Jahre auseinander liegen, weisen ihre Erinnerungen an das Nibelungenlied in der Schulzeit viele Parallelen auf. Dieses spricht dafür, dass das Nibelungenlied ganz bewusst und immer unter dem gleichen Schema eingesetzt worden ist. Es ist auffällig, dass sogar der Widerspruch bezüglich Hagens Darstellung konsequent durchgehalten wurde.
Des Weiteren ist beeindruckend, dass beide Damen sich sehr gut an die gesamte Geschichte und deren Charaktere erinnern konnten. Auch hier gibt es Auffälligkeiten: während der beiden Gespräche konnte man ganz klar merken, welche Personen des Nibelungenstoffes sich aufgrund der ständigen Wiederholungen im Unterricht in das Gedächtnis sprichwörtlich eingebrannt haben. Frau Weinberger waren die Gestalten Siegfried und Hagen sofort ein Begriff und sie nannte sämtliche Eigenschaften der beiden. Siegfried wurde offensichtlich auch in der Schule als die ideale Verkörperung eines deutschen Helden beschrieben und der "grimmige" Hagen verkörperte das Böse. Als wir Frau Weinberger auf andere Charaktere des Nibelungenliedes, wie zum Beispiel Brünhild, ansprachen, kam sie ins Stottern. Offensichtlich konnte sie sich an diese Personen nicht ausreichend erinnern. Es kam zu vielen Verwechslungen der beiden Frauenrollen Kriemhild und Brünhild.
Beide Zeitzeuginnen sprachen sofort von einschlägigen Begriffen wie "Nibelungentreue" und "Dolchstoßlegende" - also genau die Ereignisse des Nibelungenstoffes, die von den Nationalsozialisten zu Genüge propagiert wurden. Diese Tugenden wurden so mit der damaligen Zeit verknüpft, dass das Fazit, welches die Schüler daraus entnahmen, "Aufopferung bis zum Tod fürs Vaterland" war. Dieser Satz schien damals eine gängige, bedeutsame Phrase gewesen zu sein, denn diesen erwähnten beide Zeuginnen mit fast identischem Wortlaut und fügten hinzu, dass dieser immer wieder im Unterricht gefallen sei.
