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3.3 Prof. Dr. Hans Naumann: "Das Nibelungenlied - eine staufische Elegie oder ein deutsches Nationalepos?"

1942 stellte sich Hans Naumann6, ein deutscher Germanist, der Frage, ob nun das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos verkörpere oder es dafür nicht geeignet sei. Er "gehörte zu den schillerndsten Figuren des germanistischen Faschismus, ein glühender Verehrer Hitlers war er ebenso wie ein Verteidiger Thomas Manns, der ins Exil hatte gehen müssen."

In seinem Artikel "Das Nibelungenlied- eine staufische Elegie oder ein deutsches Nationalepos?" untersuchte Naumann genauestens alle Punkte, die dafür sowohl als auch dagegen sprechen. Zunächst beschreibt er die Voraussetzungen, welche ein Nationalepos erfüllen müsse:

"Der Stoff muss aus dem Volke selber stammen, er darf nicht fremder Herkunft sein. [...] Im Helden eines Nationalepos muß das Volk mindestens sein besseres Ich wiedererkennen, in der Gestalt überhaupt wie in den Idealen, denen sie wesentlich dient. [...] Das Gedicht muß in irgendeiner Weise so Wesen und Schicksal aller vertreten oder bedeuten, muß für das Volk wie ein Spiegel wirken in dem, was es war, was es ist und was es sein wird, [...].

Auch in seinem Werk "Deutsches Dichten und Denken von der germanischen bis zur staufischen Zeit" beschreibt er die Charaktere des Nibelungenliedes als "Figuren der Geschichte, nicht mehr des Märchens [.]". Außerdem wird in diesem Buch auch deutlich, wie sehr Naumann Deutschland im Nibelungenlied wieder erkennt:

"Der sehr wirkliche Rhein und noch viel wirklicher die Donau; [...] Raumhaft ins Deutsche, ins Reich mitten hinein, ist alles verlagert."

Des Weiteren macht er ganz deutlich, dass ein Nationalepos eine erzieherische Funktion haben muss, und zwar eine, die für jedermann einfach zu verstehen ist. Trotzdem muss letzten Endes eine "Ermutigung" und "Bejahung und Begeisterung für die Gegenwart und für die Zukunft erweckt" werden. Genau das sei der entscheidende Punkt, um an dem Nibelungenlied als Volksepos zu zweifeln. Denn es sei fragwürdig, ob das tragische Ende des Liedes eine aufbauende Funktion für das Volk habe. Es habe auf der anderen Seite jedoch einen "heimischen Stil" bezüglich der Sprache. Somit erfülle das Nibelungenlied die Anforderungen an ein Epos zwar teilweise, jedoch nicht vollständig. Im weiteren Verlauf analysiert Naumann Aufbau und Inhalt des Liedes und kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass

"Freilich [...] der meisterhaft straffe Aufbau unseres Epos mit seiner logischen Verzahnung, vernünftigen Ordnung, seiner geradezu aristotelischen Einheit von Raum, Zeit und Handlung [...] auf einem kühnen Griff ins germanische Erbgut aus der Völkerwanderungszeit"

beruhe.

An dieser Stelle kommt abermals die für den Nationalsozialismus typische Übertreibung zum Ausdruck, denn das Nibelungenlied ist alles andere als "logisch in sich verzahnt", da einige Widersprüche und unaufgeklärte Sachverhalte im Nibelungentext vorhanden sind.

Der weitere Verlauf von Naumanns Text tut der Lobeshymne an das Nibelungenlied keinen Abbruch:

"Germanisch in Stoff und Gestalten war dies Epos also eine Wiedergeburt frühgermanischer Großheit. [...] Denn Größe lockt Größe stets an und hat Sinn für sie nach geheimem Gesetz."

Erneute Zweifel an der Wertigkeit des Nibelungenliedes als Nationalepos erscheinen wiederholt ein paar Gedankensprünge später. Darauf folgt eine entscheidende Ansicht Naumanns:

"Wenn dann das arglose Opfer, der eine der beiden Helden, sich selber den Speer zur Mordstelle trägt, auf daß ihn der andere Held dort heimtückisch damit durchbohre, so hat dies zum Glück keinen Bezug zur deutschen Geschichte."

Erinnern wir uns an Fürst von Bülows und Hitlers Aussagen bezüglich des Ersten Weltkriegs, in der die Dolchstoßlegende als Verbildlichung der Niederlage nicht oft genug zitiert werden konnte. Naumann blendet diesen Fakt komplett aus. Erneut kann man hier erkennen, dass die Agitatoren immer wieder den passenden Teil aus der Nibelungengeschichte isoliert haben, um diesen dann für Propagandazwecke und Volksmobilisierung zu nutzen. Der Aufsatz wurde 1942 geschrieben; zu diesem Zeitpunkt passte aufgrund der absehbaren Niederlage im Zweiten Weltkrieg die Gefolgsmanntreue und somit auch Hagen wieder gut in den Zusammenhang.

Naumann äußert sich ganz ausführlich zu der Figur Hagen, die "ein ungemein großes Verständnis für das spezifisch germanische Gefolgschaftswesen an den Tag gelegt" habe. Entgegen des Bildes, das man von Hagen zu Zeiten der Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte, schreibt Naumann außerordentlich positiv über Hagens Charakter: "In der ganzen Haltung, was Ruhm, Ehre, [...] Entschlossenheit, Pflichten und Rechte betrifft, offenbart grade unser Lied den Zusammenhang des Rittertums mit Germanien klassisch." All diese lobenswerten Tugenden werden dem Volk, vor allem durch politische und pädagogische Instanzen, aber auch mit Hilfe dieses Aufsatzes, wiederholt eingetrichtert. Durch diese Charakterzüge

"wird in wunderbarer Weise allerechteste germanisch- deutsche Grundhaltung getroffen. Grade an dem Charakter Hagens wird das besonders gut sichtbar. [...] so wird Hagen zu einem lebendigen Wahrzeichen und Träger germanischer Haltung in der Welt, die von jeher auch zum guten Teile zur deutschen Haltung gehört."

Durch diese Kommentare baut er den Widerspruch aus; denn eigentlich hatte Hagen die Rolle des Bösen inne. Auf der anderen Seite ist diese Einstellung konform zu der, die Göring in seiner Rede 1943 an den Tag legte. Dort stand die "Nibelungentreue" im Mittelpunkt, die auch Naumann erwähnt:

"Es genügt, noch auf das Wort Nibelungentreue hinzuweisen, um darzutun, daß das Lied unsere Vorzüge wie Fehler in gleicher Weise enthüllt, ein Hohelied des Heldentums und der Treue, wie es das nun einmal ist."

Der Autor kommt zu dem Entschluss, dass die eben erwähnten Aspekte sehr gute Gründe sind, das Nibelungenlied als das deutsche Epos anzusehen, vor allem, "weil das Germanische doch auch vielfach zugleich das eigentlich Deutsche wäre." Auch bei Günthers "Buch der deutschen Rassenkunde" erleben wir die Gleichsetzung der Begriffe germanisch und deutsch, obwohl das keineswegs gerechtfertigt ist. Sicherlich hat die deutsche Bevölkerung im weitesten Sinne germanische Gene in sich; es handelt sich jedoch keinesfalls um dasselbe Volk.

Naumann wägt ständig das Für und Wider ab, wobei er nie zu einem endgültigen Ergebnis kommt. Nachdem er Hagen als das deutsche Ideal darstellt, zweifelt er erneut - festgemacht an dem verheerenden Ende der Nibelungen, welches keinen Lichtblick übrig lässt:

"[...] dem Nibelungenlied den Charakter, [...] nämlich unser Nationalepos zu sein, absprechen müssen, weil es doch die tragischste Dichtung ist."

Gleichzeitig betont er jedoch, dass vorerst auch kein anderes Stück in Frage kommt, diese Position einzunehmen. Naumann wirkt trotz allem sehr zuversichtlich, denn

"im Dritten Reich wird gewiß die erlösende Stunde schlagen, es besitzt ja bereits in dem einzigen Manne [Hitler] und in der Geschichte seiner Erscheinung ein Nationalepos urältester Struktur, dem verlorenen des Ersten Reiches verwandt; man brauche es nur in Verse zu gießen."

Erstmals wird an dieser Stelle die Verehrung Hitlers deutlich. Es scheint, als gebe Hitler und das Regime ihm alle Zuversicht.

Im Anschluss an sein Glaubensbekenntnis Hitler gegenüber schließt Hans Naumann seine Analyse mit den Worten "Des deutschen Volkes Nationalepos muß erst wieder erblühen, wie sich seine Reichsidee immer wieder blühend verwirklicht hat." Ein eindeutiges Fazit bezüglich der Frage, ob nun das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos verkörpere, zieht er nicht. Aber die Tatsache, dass er durchgängig das Nibelungenlied als "unser Lied" und "unser Epos" tituliert, lässt spekulieren, dass er es als dieses ansieht, auch wenn es nicht alle Kriterien eines solchen erfüllt. Untermauern lässt sich diese These durch die Tatsache, dass er auch in seinem Werk "Deutsches Dichten und Denken von der germanischen bis zur staufischen Zeit" in "Übersicht und Literaturangabe" von "dem ersten Teil unseres Epos" schreibt. Er widmet dem Nibelungenlied einen ganzen Abschnitt in diesem Werk.

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