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6. Abschließendes Fazit: Warum konnte gerade das Nibelungenlied derart missbraucht werden?

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen "die Sprach- und Darstellungskunst des Dichters", die es vermag, jeden noch so distanzierten Leser "in Bann zu schlagen". Zum anderen ermöglicht es der in sich widersprüchliche und fehlerhafte Aufbau des Nibelungenliedes, die gewünschte Interpretation hineinzulegen. Das Nibelungenlied an sich weist eine Menge Ungereimtheiten auf, die bis heute nicht aufgelöst werden konnten.

Als ein Beispiel greifen wir an dieser Stelle erneut die "Nibelungentreue" auf. Hagen zeichnet sich durch absolute Treue seinen Herren gegenüber aus, im gleichen Zuge jedoch kennzeichnen ihn und die Könige die Merkmale Verrat, Hinterhalt und Mord. Dieses ist nur ein Aspekt des Liedes, der in sich nicht schlüssig ist - es gibt noch einige andere Ungereimtheiten. Dieser Widerspruch zieht sich durch die ganze NS- Zeit wie ein roter Faden. Hitler war ein großer Fan von Wagners "Ring des Nibelungen" , in jenem die Figur Hagen einen schlechten, geldgierigen Charakter verkörperte. Hitlers Propagandaminister Göring lobt hingegen Hagen und die ihm gebührende Nibelungentreue in seiner Rede 1943 in höchsten Tönen.

Der Schreiber des Nibelungenliedes lässt die Widersprüche, die sich im Lied selbst befinden, unaufgeklärt, sodass sich die Agitatoren und Propagandisten dieses Fehlen an Erklärungen zu Nutze machen konnten. Durch die Ausblendung der restlichen Geschichte kann man so jede erwünschte Interpretation im Nibelungenlied begründen und mit Hilfe der Isolationstechnik eine ganze Nation, wie die NS- Zeit verdeutlicht, manipulieren.

Am Exempel der Nibelungen wird der Bevölkerung für das Regime überlebenswichtige Begriffe wie Gefolgschaftstreue und Aufopferungsbereitschaft eingetrichtert.

Wir haben in den vier Gebieten Politik, Literatur, Schule und Lyrik jeweils einen Missbrauch des Nibelungenliedes belegen können- demnach wurde es zum Werkzeug in allen Bereichen, auf die das Propagandaministerium Einfluss hatte, gemacht. Das deutet auf einen systematischen Einsatz des Nibelungenstoffes hin. Wenn man die verschiedenen Gebiete zum Vergleich heran zieht, ist es mehr als auffällig, dass überall stets die gleichen Schlagworte ("Nibelungentreue", "Dolchstoßlegende") fallen. Am besten lässt sich dieses Faktum an den Zeitzeugenberichten verdeutlichen: zwei in vielerlei Hinsicht unterschiedliche Frauen, die fast identische Begebenheiten erzählten, obwohl sie einen Altersunterschied von zehn Jahren aufweisen und völlig andere Schulen bzw. Schulformen besuchten.

"Nichts ist geeigneter, unser verstorbenes Vaterlandsgefühl wieder ins Leben zu rufen" (Karl Simrock, erfolgreicher Nibelungenlied- Übersetzer, 1870) - offensichtlich teilte das NS- Regime diese Ansicht und nutzte die Basis, die vor dem Ersten Weltkrieg bezüglich des Nibelungenliedes geschaffen wurde, um darauf ihr ganz eigenes Interpretationsmuster aufzubauen. Die Gleichsetzung der Begriffe germanisch- arisch- deutsch wurde systematisch vollzogen, obwohl man sie bei weitem nicht als Synonyme verwenden kann. Das ist jedoch kein Zufall; nur wenn man typisch deutsche Eigenschaften aus germanischen und arischen Ursprüngen ableitet, kann man das Nibelungenlied für Regimezwecke missbrauchen.

Das Regime gebrauchte es nicht, um "seinem Volk" Kultur im eigentlichen Sinne zu Gemüte zu führen oder gar den literarischen Wert des Nibelungenliedes dem Volke zu vermitteln. Es bestand nicht das geringste Interesse an dem vollständigen Handlungsverlauf des Nibelungenliedes, sondern nur an stückweise heraus gebrochenen Episoden, die zeitgemäß in die politische Situation passten. Inhaltlich bot es eine Menge interessanten Stoff, da das Nibelungenlied auf einer nordischen Sage basiert. So kann man zu dem Entschluss kommen,

"daß eine latente, vor allem gefühlsmäßige Bereitschaft bestand, etwa auf politische Aussagen und Appelle mit größerer Sympathie zu reagieren, sobald sie sich einzelner Hinweise, Vergleiche oder Metaphern aus dem Nibelungenlied bedienten."

Wie Hans Naumann so ausführlich in seinem Aufsatz "das Nibelungenlied- eine staufische Elegie oder ein deutsches Nationalepos?" ausdrückte; es war das einzige literarische Stück, welches annähernd für den Rang des deutschen Nationalepos in Frage kam- und so wurde es auserkoren, dieses zu verkörpern.

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