6. Abschließendes Fazit: Warum konnte gerade das Nibelungenlied derart missbraucht werden?
Die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes von 1800 bis 1945 spiegelt im Wesentlichen drei Phasen wider (Siehe Abbildung 12: Die Phasen der Nibelungenrezeption) - wir gehen hier nun auf die für uns relevanten letzten zwei ein.
Die zweite Phase beinhaltete eine Änderung der Interpretation; der Nibelungenstoff ist nun vielmehr ein Heldenepos, der der deutschen Nation zur Verschaffung neuen Selbstwertgefühls verhelfen sollte.
In der nationalsozialistischen Zeit entdeckte man viele Parallelen zum Epos; Hitler war nun der Held, der Deutschland in jeder Hinsicht aus dem Dunklen führen sollte. Es schien, als habe man den lang ersehnten Führer gefunden, der die "deutsche Gefolgsmanntreue" verdient habe "und man folgte ihr", laut Autor Martin R. Bernard, "ganz im Sinne der alten Dichtung ins Verderben".
Ein Gemeinsames haben jedoch alle 3 Phasen: Siegfried, Kriemhild und Hagen sah man als Prototypen des deutschen, arischen Ursprungs. Je nach aktueller politischer Situation wurde eine Figur besonders hervorgehoben und für gewisse propagandistische Zwecke eingesetzt. Dies erklärt auch das Phänomen, dass Hagen teilweise als grimmig, bösartig und teilweise als der treue Gefährte dargestellt wurde.
Mit dem Sturz des NS- Regimes brach auch die ideologische Vereinnahmung des Nibelungenliedes zusammen. Das Nibelungenlied wurde wieder weniger populär.
Die entscheidende Frage lautet, warum gerade das Nibelungenlied für diesen Missbrauch im politischen, literarischen und schulischen Bereich im NS- ideologischen Sinn herhalten musste. Unsere Ergebnisse bezüglich dieser Fragestellung finden sie hier.
